Die Reise in das Unendliche
oder wo liegt Shangri La ?
Welcher Ort der Welt ist heute noch exotisch ? Wo kannst du noch wirklich ungewöhnliche Abenteuer erleben ? Der
Gipfel des Mt. Everest ? Pech gehabt,nachdem du dein Zelt im Basiscamp aufgeschlagen hast,das im Müll zu ersticken droht,erwartet dich auf dem Weg nach oben Staus und Stoßverkehr.Selbst New Yorker Schicki-Micki-Tanten wurden bereits mit aktuellen Modezeitschriften am Berg gesichtet,auf dem Sprung zum Gipfel,der einst das große Ziel für reisende Entdecker war.Fast jeder Platz auf dieser Welt ist in der heutigen Zeit erreichbar,nicht selten genug bereits als Pauschalangebot eines Touristikunternehmens.
Wo liegt heute der Ort der letzten großen Abenteuer?Wo finden wir das geheimnisvolle Shangri-La,das jeder Mensch,den Geist und Phantasie im Leben vorantreiben,im Kopf und im Herzen hat? Wo kann man noch Sternstunden erleben,wenn schon nicht,wenn schon nicht als Entdecker,so doch in unserer ganz persönlichen Lebensgeschichte.Der letzte Ort,wo solche Abenteuer und den Horizont erweiternden Entdeckungsreisen noch möglich sind,ist unser Kopf,unser Geist,unsere Phantasie.
Wer die Leistung eines Columbus oder eines Marco Polo wirklich verstehen und vielleicht sogar neu bewerten will ,für den kommt es auf etwas anderes an:Dass er wirklich eines Tages den Hintern hochkriegt,spart,plant,packt und mit wachen Sinnen reist.Wir sind im Herzen Entdecker und Abenteurer geblieben,Touris sind immer die Anderen.
Im Herbst verließen sechs Männer unterschiedlichen Alters und Charakters-darunter 3 Ärzte-das an seiner Zivilisation leidende Europa,um das unbekannte,gerade erst aus seiner politisch-militärischen Abkapselung entlassene Königreich Mustang zwischen Nepal und Tibet aufzusuchen.In Meyers Lexikon findet man über Mustang 5 Zeilen.
Dieses Ziel übte auf die kleine Expedition jenen magischen Reiz aus,dem abenteuerlustige Menschen nicht lange widerstehen können.Mustang! Wer kannte schon Mustang? Oder seinen originalen Namen Lho Mantang?
Eins war uns klar:Mustang erreicht man nicht mit dem Flieger,nicht per Schiff,nicht mit dem Auto oder Reisebus.Mustang erreicht nur,wer bereit ist,schier unendliche Strecken zu laufen durch das steinige ,halbausgetrocknete Flußbett des Kali Ghandaki ,das in der Zeit der Schneeschmelze zu einem gwaltigen Urstrom anschwillt und im Herbst fast ausgetrocknet die versteinerten Zeugen der Vergangenheit preisgibt.
Man findet auf dem Weg nach Lo Mantang in allen Farben leuchtende Muscheln,Schnecken und anderes Seegetier-auf 4000 Mtr. über dem heutigen Meeresspiegel , denn dieses Gebiet lag einst unter dem Meeresspiegel ,aber das ist keine wirklich neue Erkenntnis.Geologen wissen,dass hier vor ca. 55 Millionen Jahren ,für Götter und Geologen gar nicht allzu langer Zeit also,die indische auf die eurasische Kontinental-Platte traf und das Himalaya-Gebirge auffaltete.Über erdgeschichtliche Wunder kann man sich auch in den Alpen oder auf den Kanaren erfreuen. Im Himalaya gibt es ein kulturelles Abenteuer obendrein.Denn in einer der Falten im Erdmantel versteckt sich Mustang.
Wir verließen das koloniale Luxushotel in der 1300 Jahre alten,heiligen
Stadt Kathmandu.Früher ein gesundes,organisches Gemeinwesen,stöhnt Nepals Hauptstadt heute unter überbrodelndem Straßenverkehr und seinen Abgasen.1 halbe Million Einwohner,im Ballungsraum des Tales auf 1300 mtr. Höhe eine Million-oder mehr? Armut, Lärm und Getriebe,Touristen,Backpacker aus aller Welt,alle mit dem Blick in die Berge gerichtet,denn das ist das Ziel.
Dieses war unser Sprung in eine andere Welt:Morgens abgeflogen über den hochglanzpolierten,in den Himmel ragenden Frankfurter Finanzpalästen und 11 Stunden später in einer anderen,alten Zivilisation,deren Würde und Schönheit unter CO² und Müll gelitten hat, aber noch nicht umgekommen ist.
Tags darauf flogen wir mit einer uralten,klapprigen Propellermaschine
von Khatmandu weiter nach Pokhara im Westen Nepals.Von dort ging es in einem fast ausgemusterten russischen Helikopter,einem echten Seelenverkäufer der Lüfte ,nach Jomosom (2750 mtr.hoch) im Norden,direkt am Rande des schwer zugänglichen Hochgebirges. Es ist der letzte Ort der Region ,der noch mit dem Hubschrauber angeflogen werden kann.Darüber wird die Luft zu dünn. Von Jomosom aus starteten wir ,gewissermaßen zum Eingewöhnen,einen nur vierstündigen Marsch nach Kagbeni,der Grenzstation zum Königreich Mustang,einer selbstständigen Provinz Nepals.
Hier die erste Übernachtung auf 2800 Metern Höhe in einem winzigen Holzverschlag ohne Heizung und ohne Toilette bei minus 20° Celsius.Hier lernen wir auch unsere 17-köpfige Trägerkarawane kennen,die bei solchen Reisen Standard ist .Shandra,der stets gutgelaunte Sherpa,ferner ein etwas schüchterner Polizist,zwei Köche und 13 Träger für Zelte,Lebensmittel und unsere Rücksäcke.Auf eigene Faust zu reisen,läßt der Staat nicht zu.Touristen auf der Suche nach dem Abenteuer sind die wichtigste Devisenquelle in einem der ärmsten Länder der Welt.Wir bezahlen den Polizisten,der uns überwachen und beschützen soll,die Führer,Träger und Köche,die mit solchen Touren ihren kärglichen Lebensunterhalt verdienen.
Nepal läßt maximal 200 Trecker pro Jahr in dieses verwunschene Paradies hinein-im Gegensatz zu den Bergsteigern,die zu Tausenden ins Hochgebirge gehen.Alle Trekkingkarawanen müssen dabei alles Lebensnotwendige wie Nahrung,Brennstoffe selbst mitnehmen und müssen auch die Abfälle und Verpackungen wieder mitnehmen.
Die zurückgebrachte Abfallmenge wird kontrolliert,damit niemand etwas “vergißt”.Man hat aus dem Bergtourismus gelernt.
Am nächsten Morgen Aufbruch in aller Hergottsfrühe mit den allerersten Sonnenstrahlen. Eine schneidende Kälte dringt tief in alles ein,was nicht gut eingepackt ist.Der dünne,aber warme Tee wird zur Wohltat und an dem Becher kann man sich die Hände wärmen.Die Trägerkarawane steht innerhalb weniger Minuten bereit,und es geht los durch das Flussbett des Kali-Gandaki, des “schwarzen Flusses” am Fuß des Annapurna, eines der höchsten Bergmassive der Erde.Die Karawane folgt Shandra über trockenliegende Sandbänke und endlose Geröllhalden des mehrere hundert Meter breite in die Berge eingefressenen Flußbettes, daß streckenweise bis zu 3 km breit ist und sich dann wieder zum tiefsten
Canyon der Welt verengt.Zwischen Kalopani und Largung ist man 2540 Meter über NN auf der Sohle des tiefsten Tals der Welt,nämlich ca. 5,6 km unter dem Gipfel des Dhaulagirs (8167 mtr.),wobei der Dhaulagiri im Westen und Annapurna im Südosten an dieser Stelle nur 35 km voneinander entfernt sind. Sehr eindrucksvolle Bilder gibt es unter http://www.geo-reisecommunity.de sowie http://www.nepal-dia.de
Mustang ist wahrscheinlich das einzige Land der Welt, welches über keinerlei Strassen verfügt.Aller Handel und Austausch findet auf Trampelpfaden oder in ausgetrochneten Flussbetten statt.