Nach dem Erschöpfungs-Tiefschlaf erwartet uns am nächsten Morgen eine angenehme Überraschung.Nicht nur ,dass wir Minus 20 Grad bei strahlendem Sonnenschein um 7 Uhr früh erleben, sondern keine schmalen Pfade, keine Abgründe- unser Weg führt , leicht ansteigend über ein Hochplateau zum nächsten Pass in gut 4000 Metern Höhe.
Hin und wieder begegnen wir Hirten mit mageren Schafen und einmal einer kleinen Handelskarawane mit Pferden, Yaks und Eseln, die Waren zu den einsamen Dörfern brachte. Bevor die Chinesen den Seeweg nach Indien entdeckten, war dieser schwer begehbare die Seiden- und Salzstraße zwischen Indien und China. Hier sind vor tausend Jahren mit Reichtümern beladene Karawanen entlang gezogen und es fällt uns nicht schwer zu erkennen, dass sicherlich nicht alle ihr Ziel erreicht haben bei der Beschwerlichkeit des Weges.
Weiter geht unser Weg in ständigem Auf und Ab über steile Pässe und tiefe Canyons. Auf einer Passhöhe haben wir einen weiten Blick nach Süden über die windgepeitschte Wüstenlandschaft. Kaum vorstellbar, dass nur 70 Kilometer weiter südlich die niederschlagreichste Region des Landes liegt, wo in allen Grünschattierungen die üppigen, duftenden Regen-und Rhododendronwälder am Ghoropani-Pass gedeihen.Die Rhododendron-Bäume sind bei ihrer Höhe bis zu 20 Metern für uns sehr eindrucksvoll gewesen. Die Hauptkette jenes Gebirges^,an dem der Monsun sich abregnet, ragt gestochen scharf in Himmel, mit Annapurna I, Tilicho und Nilgri.
Im nächsten Dorf machen wir Rast in einer Hütte, in der wir auch übernachten können.Später abends st0ßen noch ein Amerikaner und seine thailändische Frau dazu, die in der Nachbarhütte übernachten wollen.
Nachts um 3 Uhr klopft es heftig an die Tür unserer Hütte . Der Amerikaner, Projektplaner einer Gesellschaft für U-Bahn Bau in Bangkok, bittet uns dringend die Tür zu öffnen, es handele sich um einen Notfall. Wir Ärzte fühlen uns verpflichtet, aufzustehen um nachzusehen, was dort in der anderen Hütte los sei und gehen im Licht unser Taschenlampen zur anderen Hütte. Der Amerikaner führt uns zu seiner thailädischen Frau, die in den letzten Stunden zunehmend verwirrt sei, entsetzliche Kopfschmerzen habe und der es immer schwerer falle, Luft zu holen. Beim Abhören der Lunge finden wir ein ausgeprägtes Lungenödem. Auf Nachfragen erfahren wir , dass die Frau seit mindestens 24 Stunden kein Wasser gelassen hat. Die Diagnose ist klar:Höhenkrankheit.Man kann den tödlichen Ausgang mit Medikamenten nur verzögern, nicht verhindern. Die einzige rettende Therapie ist das Heruntersteigen unter die magische Höhe von 2500 Metern. Wir injizieren der Frau große Mengen Kortison, die das Hirn-Lungen-und Nierenödem abschwellen lassen, und verabreichen ihr anschließend erhebliche Dosen an Diuretika, die die Urinproduktion in Gang setzen sollen.
Gleichzeitigwird ein Maultier herbeigeschafft, das die erschöpfte ,schwerkranke Frau schnellstmöglich nach Jomoson und wenn möglich, weiter unter die 2500 meter Grenze transportieren soll.Im Morgengrauen setzt sich diese Karawane talabwärts in Bewegung.Wir geben alle notwendigen Medikamente mit . Mehr kann man nicht machen.
Wir selbst haben als Prophilaxe schon im Tal Diamox eingenommen und dieses täglich wiederholt.Ein unheimliches Kribbeln in Füßen und Händen gab es dann für kurze Zeit und wir mußten pinkeln,pinkeln,pinkeln! Aber keiner von uns hatte Probleme mit der Höhe.
Über die Dörfer Ghilling und Gemi erreichen wir nach insgesamt 5 Tagen strammen Marschierens den Königssitz LHO MANTANG.
www.dach-der-welt.de/gb-mustang.htm
Bereits aus der Ferne sehen wir die etwa 6 meter hohen Lehmmauern, die das Dorf vor räuberischen Überfällen schützen sollen.
Wir gehen an einem schmalen ,vereisten sickergraben entlang, die Temperatur auf dem Boden minus 15 Grad.
In einer Höhe von gut 4ooo Metern über dem Meer gelingt es den Bauern, auf ein paar Feldern einigermaßen ausreichende Erträge für das Überleben zu erwirtschaften, wobei wir erfahren,dass Hungersnöte je nach Witterung immer wieder vorkommen.
Hier mitten im Nichts, dem Himmel näher als dem Rest der Welt, entwickelte sich seit dem Jahr 1380, als ein aus Westtibet stammender Edelmann sich hier niederließ, eine Königsresidenz.
Der Palast, besteht wie alle Häuser, aus weissgetünchtem Lehm, krumme und schiefe Wände zeigen, wie schwer sich das Material verarbeiten läßt und wie es in Witterung arbeiten muss.Die Visionen und Inspirationen der Menschen haben hier vor vielen Jahrhunderten wunderschöne, kunstvoll gestaltete buddhistische Klöster, die Gompas erschaffen.Die Versammlungshalle mit 28 massiven Säulen aus alten Baumstämmen ist eine architektonische Meisterleistung. Wir können uns nicht vorstellen, wie die wuchtigen Baumstämme über diese beschwerlichen ,schwierigen Pfade so weit oberhalb der Baumgrenze transportiert worden sind.
Mustang ist das Land der Zeitlosigkeit, abgeschnitten von der Welt,die sich , wie im Delirium immer weiter, schneller, effezienter entwickelt und dabei ist, der Menschheit notwendigste Lebensgrundlagen zu zerstören. Mustang, ein winziges Königreich von nur 3573 Quadratkilomtern, versteckt hinter Bergriesen irgendwo im Himalaya, nah der Grenze nach China.
“Es ist das Land der vollkommenen Glückseligkeit, wo alles Notwendige und Erwünschte vorhanden ist, wo die Untertanen wie Sterne glitzern und der Geist sich am Anblick des Königs ergötzt”, so steht es in alten Manuskripten,die in den Gompas des Königreiches verwahrt werden .
Bei Einbruch der Dunkelheit wird uns bewusst, dass die Königsresidenz kein elektrisches Licht hat. Fließendes Wasser kommt aus den Bergbächen. Die überlebensnotwendige Wärme in den bitterkalten Nächten spenden den Menschen auch hier die YAKS. Noch sind Touristen in Mustand so rar, dass wir am nächsten Tag eine Audienz beim König erhalten. Auf dem Weg zum Palast kommen uns die Bürgermeisterin von Los Angeles und der US-Botschafter entgegen.In einem kurzen small talk erfahren wir, dass die USA an einem Restaurierungsprogramm für Gompas und Klöster arbeiten.
Der Köig Jigme Palbar Bista, 63 Jahre alt, ist der 25. direkte Nachkomme des Dynastiegründers. Jeden Tag steht er vor der Dämmerung auf und meditiert oft länger als 1 Stunde. Anscchließend fegt er die bösen Geister aus dem Haus und geht Gebete murmelnd mehrmals um die Stadtmauer - genauso, wie es seine Vorfahren über 600 Jahre lang getan haben.
Nun thront er auf Schaffellen vor uns im Lotussitz, kerzengerade, den langen, sorgfältig geflochtenen Zopf über die Schulter gelegt, eine Gebetskette in der Hand.Unter den buddhistischen Symbolen und Fahnen entdecken wir auch einen in Folie eingeschweißten Wimpel des FC Bayern München. http://www.fcbayern.telekom.de/
Jeder von uns überreicht dem Ragja einen weißen Katak als Gastgeschenk. Es wird Tee in gutem Porzellan gereicht und wir sprechen über Poltik, Medzin und die Zukunft des Reiches nach der Öffnung für Touristen seit 1992. Wir sind die Gäste 702-707 in 4 Jahren und haben für das Permit jeder 700 US Dollar bezahlt.
Das ist ein lohnender, sanfter Tourismus. Nach geraumer Zeit werden
wir verabschiedet und der König überreicht jedem von uns einen Katak.
Am nächsten Morgen werden wir festlich geweckt durch atonale Trompetenklänge und Trommelrythmen des im Hause wohnenden Mönches. Heißer Tee, Porridge und eine Art Landjäger geben uns die Kraft für den Rückweg in die Niederungen der Zivilisation. Wieder geht es über die Geröllberge, Kiesberge, Sandberge, Schlammberge und Felsenberge des Königreich Mustang. Über uns im stahlblauen, wolkenlosen Himmel segeln Schneegeier durch die Lüfte, so groß, dass es auch Segelflugzeuge sein könnten.
Die eisgen Winde des Kali Gandaki blasen uns gelben, feinen Staub ins Gesicht, der das ohnehin schwere Atmen manchmal zur Qual werden lässt. Auf den Anhöhen bieten sich unglaubliche Ausblicke auf die Himalayariesen, denen man die lebensbedrohenden Gefahren, die sie für den Kletterer bergen, nicht ansieht. Die Landschaft ist groß, sie wirkt in ihrer Weite unberührt und unberührbar. Sie macht den Menschen stiller, bescheidener und dankbarer.
Dieses Gefühl brennt sich in Mustang tief in die Seele ein. Noch heute, Jahre danach, ist es in mir wach. Ein Gefühl der Stille und der Ehrfurcht vor der Natur, dem Wesen dieser freundlichen, bescheidenen Menschen, die uns unterwegs immer wieder ihre Gastfreundschaft schenkten.
Wieder in Jomosom treffen wir die Frau, der wir bei der Höhenkrankheit Erste Hilfeleisteten, wohlauf und gut erholt. Ausgeglichen und bester Dinge kehren wir in den Alltag zurück.