“Mustang” Teil 2

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In der dünnen und deshalb sauerstoffarmen Luft starten nicht ideal adaptierte Menschen mit einem eigenartigen Schweregefühl in den Beinen, mit einer als anstrengend empfundenen deutlich erhöhten Atem -und Herzfrequenz und einem leicht dröhnendem Schädel wie nach einer durchzechten Nacht.
Wir alle spüren genau:wir verlassen endgültig das, was man als “Zivilisation” bezeichnet und gehen hinaus in eine andere Welt.
Eine Welt, in der natürliche Lebenstüchtigkeit zählt,wo es auf wirkliche Fähigkeit und Robustheit ankommt.Es ist ganz klar,dass auch die ausdauerndsten von uns nicht annähernd so zäh sind wie die Einheimischen und ihr Führer.
Manche haben sich mangels Schuhen nur ein paar Stofffetzen um die Füße gewickelt,viele sind ohne lange Hosen und damit jedem Wind und Wetter ausgeliefert bei Tagestemperaturen um O Grad und gefrorenen Böden mit Permafrost.
Es gibt hier Hunger,der am Kern des Menschenlebens zehrt.
Dieses Leben ist für unsere Trägergruppe Alltag,denn sie kennen es nicht anders.
Wir ,diejenigen ,die vor 2 Tagen erst dem überernährten Luxus-und Sozialstaat entflogen sind,die wir uns mit http://www.gore-tex.de -Klamotten gegen Wind und Wetter schützen und mit hochkalorischer Sportlernahrung leicht und bequem unseren Hunger stillen:wo stehen wir eigentlich?Wer sind wir eigentlich? Was können wir tatsächlich?Und wie leben wir tatsächlich? Lauter Fragen,die kurz aufflackern und dann vor der tatsächlichen Anstrengung allmählich verblassen.
Mit immer mehr Bewunderung für die Trägerrinnen und Träger,aber auch für Europäer,die hier Soziales verrichten, so z.B. die blinde Sabriye Tenberken mit dem http://www.blinden-zentrum-tibet.de gehen wir unseren Weg, denn der ist das Ziel.
Nach und nach fällt der mentale Zivilisationsmensch von uns ab,nach und nach reinigen sich unsere Gedanken. Der anfangs unangenehmen Anstrengung gewinnen wir allmählich eine wohltuende Lust ab.Wir beginnen uns zu entspannen,sowohl im Geiste als auch in unseren Muskeln und in unserer gesamten Körperhaltung.Langsam und stetig tauchen wir immer tiefer in diese neue reale Wunderwelt ein.Was fasziniert an dem Wenigen,was wir sehen? Eine fast pflanzenlose Welt,allenfalls ein paar vereinzelte,oft vertrocknete Gebüsche.Eine fast tierlose Welt,nur hin und wieder einmal eine Schafs-oder Ziegenherde.Wovon leben diese Tiere?Sie weiden und fressen Dinge , die wir einfach nicht sehen und wahrnehmen.Aber sie leben.Eine fast menschenleere Welt.Es vergehen Tage, an denen wir keinem Menschen außer unserer Karawane begegnen.Nicht einmal Touristen an diesem scheinbar entlegensten Ort der Welt. Über uns im wolkenlosen, blauen Himmel zieht ein Adler seine Kreise.
Die Kargheit der Landschaft nimmt zu und-eine Folge davon?-ihre Schönheit auch.Die Ruhe breitet sich über allem aus und beherscht allmählich auch Gedanken und Gemüt der Wanderer. Niemand will etwas sagen.Es ist nicht nur die Anstrengung, die allmählich Überwindung kostet und uns schweigen läßt.
Es scheint , als hätten alle eine Freude und sogar Lust an der Stille, an der Ruhe. Sie wird gekostet, genossen und gelebt. Als hätte man jahrelang, eine Ewigkeit, auf sie gewartet. Und die Zeit? Sie geht verloren. Man spürt sie nicht mehr. Sie ist nicht existent.Zeit, was ist das? Welchen Nutzen hat sie? Wozu dient sie überhaupt? Warum gibt es sie? Die Zeit hat sich in Nichts aufgelöst und ist verschwunden wie Materie in einem schwarzen Loch des Kosmos.
Irgendwann erreichen wir Tangbe, ein winziges Dorf. Fensterlose Lehmhütten, Menschen und Tiere leben unter einem Dach.Mangels Heizung oder ausreichender Feuerstelle spenden die Tiere den Menschen ihre Körperwärme, vor allem die Yaks.Diese Yaks sind die Lieferanten für das Überleben in dieser Natur für den Menschen. Ihr getrockneter Dung wird zum heizen genutzt, er düngt die kargen Felder und er dämmt in den Hütten gegen diese unerbittliche Kälte in eisiger Höhe.
Wir zelten auf einer Fläche , die durch eine kleine Lehmmauer vor den schneidenden Winden geschützt wird, genießen heißen Tee und ein paar Instant-Nudeln und hocken im Windschatten der Lehmmauer.
Niemand mag reden.Die Gesichter sind zufrieden. Die Sonne verschwindet hinter den riesigen Gebirgen.In der Dunkelheit wird die Stille noch gewaltiger.
Nach einer eisigen Nacht im luxuriösen Daunenschlafsack,dessen Hersteller wohlige Wärme selbst bei minus 25° Celsius verspricht,kostet es Überwindung, den Schlafsack zu verlassen und auch nur für wenige Augenblicke die Kälte zu ertragen.
Wir alle sind bemüht, so schnell wie möglich unsere Hightech-Klamotten anzuziehen, die uns verweichlichte Bürohengste vor der Natur schützen soll. Unsere Begleiter sind sind bereits eine Stunde vor uns augestanden” in order to make you happy”. Mitten im Nichts wurde für uns eine festliche Frühstückstafel gedeckt mit allem, was ein europäisches Herz erfreut. Tee, Kaffee, Kakao, Omelette, Toast, English Marmelade, Honig,Müsli, warme Milch, Cornflakes…. eine Szene wie in einem Werbespot.
Mitten in der Einöde auf dem Dach der Welt sitzen wohlig warm eingepackte Europäer und tun, was sie nicht lassen können:konsumieren.
Nach dem Frühstück gibt unser Bergführer Shandra das Zeichen für den Aufbruch. Die Karawane setzt sich in Marsch. Im Land der praktizierten Gleichberechtigung haben wir auch Trägerinnen. Fünf Mädchen im geschätztem Alter von 16 bis 20 Jahren tragen je drei Rucksäcke. Das Gewicht der Rucksäcke wird sorgfältig austariert,dann werden die Säcke zusammengebunden, über die Schulter gelegt und ein drittes tragendes Band wird um die Stirn gelegt. Dem in der Hocke sitzendem Mädchen wird von einer dritten Person geholfen, auzustehen. Krumm gebeugt unter der Last setzen sie sich in Bewegung. Auf Flip-Flop-Badelatschen oder, wenn sie besonders gut ausgestattet sind , in ein paar alten, oft zu großen Schuhen, die irgendwelche Westler hier gelassen haben. Ich möchte ihnen helfen und am liebsten die Last abnehmen. Fröhlich und ein bisschen verlegen kichernd lehnen sie ab. Sie marschieren einfach los.
Die Schlucht des Kali Gandaki wird enger. An der Westseite türmt sich eine gigantische, unüberwindliche, aus sehr weichem, porösen Sedimentgestein bestehende Felswan auf. Extreme Temperaturschwankungen haben in diesen Koloss kathedralenartige, gotische Säulen gefressen. in schwindelerregender Höhe kann man regelmäßig angeordnete Höhlen entdecken. Wir diskutieren , ob sie menschengemacht oder durch die unablässige Erosion entstanden sind. Die Frage wird nicht geklärt. Weiter marschieren wir über endlose Geröllhalden des weitgehend trockenen Flussbettes und finden immer wieder Muscheln, Ammoniten und Scnecken. Wir versuchen uns vorzustellen, wie vor vielen Millionen Jahren hier ein Meer toste, seichter wurde, austrocknete und der Meeresgrund schließlich und der Meeresgrund schließlich zu einem Gebirge von fast 9000 Metern aufgetürmt wurde. Welch unvorstellbaren Kräfte waren-und sind natürlich heute noch- um uns herum am Werk.
Der Marsch geht weiter. Der scharfe, nie aufhörende Wind und die extremen Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht haben in die raue Kulisse der Bergriesen lieblich runde, weiche Formen im Laufe von Millionen von Jahren geschliffen. Wir steigen den Flusslauf des Kali Gandaki weiter bergauf, und irgendwann sprudelt der Fluss aus einer Höhle in einer riesigen, schwarzen Felswand. Hier führt eine wenig Vertrauen erweckende , stark schwankende Hängeseilbrücke über das reißende Wasser. Einer nach dem anderen überquert die Karawane den Fluss und beginnt nun auf schmalen Pfaden den unendlich steilen Berg zu erklimmen.Unser Führer Shandra verspricht uns:”From now on only climbing,climbing, climbing…”. Es ist uns ein Rätsel, wie die Mädchen die 40 bis 50 Kilo schweren Lasten, die ungefähr ihrem Eigengewicht entsprechen, auf diesen mit Geröll übersäten steilen Pfaden hinaufschleppen. In der dünnen Luft atmen wir schwer und fühlen unser Herz bis zum Halse schlagen . Wir haben alle haben ein ungeheures Durstgefühl und ein sehr starkes Verlangen nach Salz. Jeder von uns hat Kopfschmerzen, einige auch mehr oder minder ausgeprägte Konzentrationsstörungen. Wir überqueren mehrere Pässe, an den große Steinhaufen aufgetürmt wurden und über ihnen knattern weiße Gebetsfahnen im Wind.Auf jeder Passhöhe werfen unsere Träger neue Steine auf die Haufen und rufen laut “cho,cho,cho”,um den Göttern ihre Ankunft mitzuteilen.Wir alle sind froh,als wir nach wenigen Stunden ein winziges Dorf erreichen,wo wir rasten.Unsere Begleittruppe ist lange vor uns angekommen und erwartet uns mit köstlich zubereitetem Gemüse, scharfem , salzigen Yakfleisch und amerikanischen Sandwiches aus kaugummiartigem Brot. Mit Heißhunger schlingen wir diese Mahlzeit herunter und trinken anschließend Unmengen an Wasser.

Shandra mahnt zum Aufbruch.Wir wollen vor Sonnenuntergang unbedingt ein kleines Dorf erreichen, wo wir einigermaßen windgeschützt übernachten können.
Weiter schlängelt sich der schmale Pfad an ungeheuren Abhängen vorbei.
Links von uns fällt der Berg in eine scheinbar endlose Tiefe, rechts von uns in kaum einem Meter Entfernung ragt in unendliche Höhe die Felswand empor. Buddha , was sind wir klein. Ich wage es nicht,nach links in den Abgrund zu schauen. Mir ist mulmig.Ich vernehme jeden Herzschlag in meinem Schädel.Ich spüre Angst,echte Angst.Am liebsten würde ich umkehren.Das geht aber nicht,weil hinter mir Träger der Karawane vorwärts drängen.Wir werden quasi geschoben und ob ich willl oder nicht, ich muß weiter. Mein Herz pochtwie wild,ich versuche meine Gedanken abzulenken und nicht an die Gefahr zu denken.Mit ist schwindelig und ich habe weiche Knie.Mal ist der Untergrundfelsig, mal aus Geröll , manchmal auch aus feinstem Pulverstaub, der uns,sobald wir um einen Felsvorsprung biegen, wie tausend Nadelstiche ins Gesicht bläst.Der Weg scheint unendlich.Mit Konzentrationsübungen versuche ich an andere Dinge zu denken,so denke ich an meinen Sohn, der mit uns unterwegs ist und Heimweh hat , weil er mit seiner Liebsten telefoniert hat und sich nicht mehr auf die Schöheit und die Macht dieser gewaltigen Natur konzentrieren kann, das bedaure ich sehr.Ich habe das Gefühl, gegen eine Ohnmacht kämpfen zu müssen.Und es geht immer weiter, immer weiter. Kein Ende des Weges. Nach jedem Felsvorsprung hoffe ich auf eine erlösende, breite, sichere Felsplatte, um auszuruhen. Wie in Trance geht es immer weiter.Irgendwie habe ich mich in mein Schicksal gefügt.Die Angst weicht einem verschwitzt Egal-Gefühl,das weiche Gefühl in den Knien bleibt.Irgendwann erreichen wir ein Hochplateau.Erst hier, auf sicherem Grund , wird mir die ganze Angst, Anstrengung und Gefahr richtig bewusst.Auf einmal schwinden mir die Kräfte,ich muß mich einen Augenblick hinsetzen. Den Anderen geht es ebenso.Vollkommen erschöpft hocken wir am Wegesrand und müssen alle in dieser dünnen Luft erst einmal tief durchatmen. Unser Freund Jens ,der Senior unter uns, erklärt mit hochrotem Kopf und total durchgeschwitzt, dass er für kein Geld der Welt freiwillig hierher gekommen wäre.(Er ist es aber ????)
Dann erinnern wir uns , wie unsere Träger mit schlafwandlerischer Sicherheit , entspannt und fröhlich ihre enormen Lasten hierher raufgetragen haben.
Noch einmal raffen wir uns auf und marschieren in einer Stunde zu dem Ort Samar auf 3550 Metern Höhe.In der Abendsonne glänzt wie ein Edelstein das wuchtige Anapurnamassiv.An unserem Etappenziel angekommen will niemand viel sagen. Unter mönchischem Schweigen essen wir. Es gibt einen Whisky als Digestiv,der mir sofort massiv zu Kopfe steigt und gemeine Schwindelgefühle auslöst.Olav und Jens schlafen mit dem Glas in der Hand ein. Total erschöpft, mit einer Mischung aus Glücksgefühl nach vollbrachter Leistung und noch in den Gliedern sitzender Angst krieche ich in meinen Schlafsack. Selbst der schreckliche Gedanke, die Strecke bald wieder zurückmarschieren zu müssen, kann einen traumlosen Tiefschlaf nicht verhindern.

3 Kommentare zu „“Mustang” Teil 2“

  1. Da fragt man sich beim groben Durchlesen ja schon, ob man selbst doof ist. Dankeschön für Ihre Erläuterungen

  2. Essie sagt:

    IJWTS wow! Why can’t I think of tihngs like that?

  3. Xexilia sagt:

    Fell out of bed feelnig down. This has brightened my day!

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